Pflegedienst-Online Magazin
Berichte aus der Pflege

Pflegenotstand in Deutschland – Im Interview Joachim Görtz Leiter der bpa-Landesgeschäftsstelle in Bayern

Joachim Görtz Leiter der bpa-Landesgeschäftsstelle in Bayern

Es scheint als würde eine ganze Nation im Stechschritt einer absehbaren Katastrophe entgegen eilen. Und es sieht so aus, als würde nicht genug dafür getan, das Schlimmste zu verhindern. Dieses negative Bild bezieht sich auf die langfristigen Folgen, die die derzeitige Pflegesituation in Deutschland in der Zukunft haben wird. Fast 2,5 Millionen Menschen sind in Deutschland derzeitig pflegebedürftig. Die Tendenz ist steigend, denn die geburtenstarken Jahrgänge aus der Zeit zwischen 1955 und 1965 sind momentan noch erwerbstätig. Der Demografische Wandel arbeitet gegen die aktuell vorherrschenden Möglichkeiten der Pflegbranche. Die Gesamtbevölkerung wird immer älter, die Beitragszahler werden immer weniger. Parallel herrscht seit längerem Fachkräftemangel im Pflegesektor. Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden zu Hause von Angehörigen und ambulanten Pflegediensten versorgt. Die Leistungen werden in Minuteneinheiten abgerechnet, Zeit für Gespräche ist da nicht vorgesehen.

Häufig ist von „Rennpflege“ die Rede. Die Branche scheint für Arbeitnehmer unattraktiv. Und auch die in der Politik zuletzt oft beworbene und in den Medien ebenso häufig aufgegriffene Vokabel „Pflegereform“ scheint inhaltlich und praktisch nicht das zu halten, was es semantisch verspricht. Von einem Rundumschlag, in dem die Grundbedingungen in der Pflegbranche langfristig reformiert und zukunftsträchtig neu aufgestellt werden, kann keine Rede sein. Die schwerwiegendste Folge dieses Pflegenotstandes wäre eine nationale Unterversorgung. Pflegedienst-Online hat sich über diese Themenschwerpunkte mit Joachim Görtz (47), dem Leiter der Landesgeschäftsstelle Bayern des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa), unterhalten.

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Pflegebedürftiger mit Pflegekraft

Der bpa ist mit über 7.000 Einrichtungen die größte Interessensvertretung privater Anbieter sozialer Dienste in Deutschland. Rund 215.000 Angestellte und etwa 16.500 Auszubildende arbeiten im Namen des bpa. Uns liegt daran, die Pflegesituation in Deutschland nachhaltig zu verbessern.

Steuert Deutschland gerade auf den Pflegnotstand zu oder sind wir schon mitten drin?

Wir befinden uns bereits mitten im Pflegenotstand. In Bayern fehlen momentan etwa 7.000 Pflegekräfte. Wir sind heute in einer Situation, in der wir vor allem für kurzfristige Lösungen ganz wenig Raum haben. Momentan können wir diesen Fachkräftemangel nicht kompensieren.

Welche politischen Rahmenbedingungen müssen geändert werden, um der Katastrophe einer zukünftigen Unterversorgung möglichst zu entkommen?
Wir müssen die Zugangsvoraussetzungen der Interessenten für diesen Beruf – auch der Interessenten, die es an den Hauptschulen gibt – verändern und das heißt erleichtern und nicht erschweren. Wenn es nach der EU-Kommission geht, soll der Zugang zum Pflegeberuf nur im Anschluss an eine zwölf-jährige Schulbildung möglich sein. Für Deutschland betrachtet ist das lächerlich. Von 27 EU-Staaten können 25 Länder diese Forderung erfüllen. Die haben aber andere strukturelle Voraussetzungen in ihrem Schul- und Ausbildungssystem als das in Deutschland der Fall ist. Wir haben schon Probleme Interessenten für den Beruf mit mittlerem Bildungsabschluss zu gewinnen und müssten dann an die Abiturienten heran treten. Viel wichtiger wäre es, die positiven Seiten des Pflegeberufs in den Köpfen der Menschen zu manifestieren. Dies gelingt nur, wenn wir auch für den natürlichen Prozess des Alterns ein positives Bewusstsein schaffen und den Bereich des sozialen Miteinanders stärker in den Lehrplänen aller Schularten verankert.

Der bpa ist die größte Interessenvertretung für private Anbieter sozialer Dienste in Deutschland – welche Maßnahmen wurden und werden von Ihrer Seite getroffen um dem Pflegenotstand entgegen zu wirken?
Was den Pflegenotstand anbelangt setzt der bpa an verschiedenen Stellen an. Wir setzen uns z.B. dafür ein, dass Personen die in Deutschland leben, aber im Ausland einen Pflegeberuf erlernt haben, hier schneller den Status der Fachkraft erhalten. Jemand der z. B. in Spanien den Beruf des Pflegers erlernt hat, muss hier ein halbes Jahr in einem Krankenhaus ein Praktikum machen. Oft bleiben diese Kräfte auch nach dieser Zeit in den Krankenhäusern und fehlen in der Altenpflege. Wir möchten, dass die ausländischen Fachkräfte auch in Deutschland möglichst schnell als solche gehandelt werden, das heißt auch, dass sie die Löhne von Fachkräften und nicht von Hilfskräften erhalten sollen. Außerdem versuchen wir Berufsrückkehrer/innen für die Pflegeberufe zu begeistern. Daneben macht sich der bpa auch für die Möglichkeit der Teilzeitausbildung stark. Das bedeutet, dass die Ausbildung etwa vier bis fünf Jahre dauern würde und bereits parallel zur Tätigkeit als Hilfskraft absolviert werden könnte. Auch das würde vor allem den Berufsrückkehrern entgegen kommen.

Es herrscht Fachkräftemangel und die meist älteren Pfleger halten im Schnitt nicht so lange durch. Wie müssten sich die Arbeitsbedingungen verändern um diesem Trend entgegen zu wirken?
Die Rahmenbedingungen sind in diesem Berufsbild nicht gerade ideal. Die Bedingungen in der Pflege und die Bedürfnisse der Senioren haben sich in den letzten Jahren kontinuierlich geändert, das hängt auch mit der gesteigerten Lebenserwartung zusammen. Es gibt zum Beispiel immer mehr Demenzkranke. Daneben gibt es neue Krankheitsbilder. Außerdem kommen Patienten nach kürzerer Zeit, und somit oft in schlechterem Zustand, aus dem Krankenhaus zurück in ihre Pflegeeinrichtung. Ein großes Problem ist das Festhalten an den Personalschlüsseln. Die Personalschlüssel, durch die besagt wird, wie viele Fachkräfte für wie viele Pflegebedürftige angestellt sein müssen, beziehen sich auf die Faktenlage der 70er Jahre. D. h. die Fachkraftquote ist seit dem unreflektiert fortgeschrieben worden. Statt an der unzeitgemäßen Fachkraftquote fest zu halten, sollte man mehr Möglichkeiten schaffen niederschwellige Kräfte einzustellen, die die vorhandenen Fachkräfte entlasten. In Skandinavien gibt es das System des Primary Nursing. Hier überwacht eine hochqualifizierte Fachkraft die Arbeit von Hilfskräften. In Deutschland gibt es das in der Pflege nicht, denn wir sind auf Quoten und allem Anschein nach nicht auf aussagekräftige Ergebnisse fixiert.

Immer weniger junge Menschen sehen ihre Zukunft in der Altenpflege. Wie attraktiv ist dieses Berufsfeld wirklich?
Kaum ein anderer Beruf hat so exzellente Aufstiegschancen wie der Pflegeberuf. Bei entsprechendem Schulabschluss kann man z. B. ein Studium im Pflegemanagement anschließen und auch relativ schnell promovieren. Auch für Menschen mit mittlerem Bildungsabschluss sind auf breiter Ebene Leitungsfunktionen vorhanden. Die Pflegebranche ist eine wachsende Branche, die somit auch Sicherheit bietet. Außerdem liegt die Vergütung sowohl in der Ausbildung als auch beim Berufseinstieg im oberen Mittelfeld. Doch um den Beruf auch in der Öffentlichkeit attraktiver zu machen, muss seine Werthaltigkeit auch in den Medien stark verbessert werden. Die Pflegebranche ist mit dem Tod stigmatisiert. Doch der Tod gehört zum Leben und unsere Gesellschaft muss lernen mit dem Tod umzugehen.

Was genau steckt hinter der bpa-Kampagne „Initiative Berufswahl Altenpflege“ mit denen in den Jahren 2011/12 in Schulen für den Berufszweig der Pflege geworben wurde?
Wir haben uns gedacht es ist genug der Rederei, wir fahren in die Schulen und sprechen direkt mit den Schülern. Um den etwa 15 und 16-Jährigen auf Augenhöhe begegnen zu können haben wir Auszubildende mitgenommen, die unmittelbar von ihren Erfahrungen in diesem Berufsfeld berichten konnten. Wir haben in diesem Programm z. B. mit einem Alterssimulationsanzug, indem die Schüler am eigenen Leib die Gebrechen und körperlichen Einschränkungen des Alterns erleben durften, versucht, ein Bewusstsein für ältere Menschen zu schaffen.

Auf welche Ergebnisse blicken Sie zurück?
Von den Schülern ist es sehr gut angenommen worden. Viele haben uns bestätigt, dass das eine neue Erfahrung für sie war. Die meisten wollen natürlich trotzdem keinen Pflegeberuf ergreifen. Manche aber eben schon. In den letzten zwei Jahren arbeiten etwa 13% mehr Menschen in der Pflege. Das hat auch mit solchen Programmen zu tun. Daher wird das erfolgreiche Programm „Initiative Berufswahl Altenpflege“ auch fortgeführt. Eines unserer Vorstandsmitglieder kümmert sich um die Anfragen von Interessenten, wie die der Träger von ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen oder auch den Arbeitsagenturen.

Rund zwei Drittel der pflegebedürftigen Menschen werden Zuhause gepflegt. Welche Bedingungen müssen für Angehörige, die ihre Verwandten pflegen, verbessert werden?
Die Lebenserwartung steigt und auch daher hat heute irgendwann jeder jemanden der gepflegt werden muss. Der größte Pflegedienst Deutschlands sind die Angehörigen. Zum einen müsste die finanzielle Situation der pflegenden Angehörigen verbessert werden. Das Pflegegeld wurde leider nur marginal angehoben. Zum anderen müssen wir Know How schaffen. Wir müssen die Angehörigen schulen, sie professionalisieren so gut es geht. Das wird auch zunehmend angenommen. Doch eines muss klar sein, ohne Fachkräfte geht es nicht.

Wie bewerten Sie den Trend, dass zunehmend Kräfte ausländischer Dienste in Privathaushalten tätig sind?
Das ist fatal! Sowohl für die zu Pflegenden als auch für die ausländischen Kräfte. Die Sprachbarrieren sind nur ein Problem. Hier gibt es Grauzonen bis hin zur Illegalität. Die Menschen arbeiten 24 Stunden für ein paar Euro in der Stunde. Wo sind hier die Arbeitszeitregelungen? Wer überprüft die Leistungen der oft ungelernten Kräfte? Wo ist der MDK (Medizinische Dienst der Krankenkassen)? Wo ist die Sozialversicherung? Das ist moderne Sklaverei und es ist peinlich, dass sich Deutschland so etwas leistet. Eigentlich wäre es gut, diese Kräfte aus ihren Agenturen zu holen und sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten hier vernünftig anzustellen.

Wie kann man sich Ihrer Meinung nach möglichst optimal auf das eigene Altern vorbereiten?
Man kann heute viel leichter Vorsorgevollmachten und letztwillige Verfügungen vereinbaren. Darüber sollte man nachdenken. Es ist ohnehin wichtig sich mental auf das Altern vorzubereiten. In Deutschland kann man beruhigt sein, dass man auf professionelle Strukturen und eine ebenso professionelle Versorgung stoßen wird. Pflege ist sicher nichts was man sich wünscht, aber es gibt viele Möglichkeiten Zuhause oder in Heimen in Würde zu altern. Auch der Umgang mit dem eigenen Tod sollte nicht ausgeblendet werden. Heute kann man heimbeatmet sterben, niemand muss also viele Jahre in einem Krankenhaus verbringen, wenn er beispielsweise nach einem Unfall dauerhaft beatmet werden muss. Die außerklinische Intensivpflege ist hier eine gute Alternative, in der eigenen Häuslichkeit verbleiben zu können. Wenn der Betreuungsaufwand beispielsweise bei einer Demenzerkrankung nicht mehr in der eigenen Häuslichkeit geleistet werden kann, so haben wir ausreichend stationäre Pflegeeinrichtungen, die sehr gut darauf vorbereitet sind. Allerdings: Der Gesetzgeber sollte die Gelegenheit in der aktuellen Reform der Pflegeversicherung auch wahrnehmen, die Einrichtungen hierbei zu unterstützen. Es braucht auch hier eine weitere finanzielle Unterstützung, die hierauf ausgerichteten Modelle und Strukturen zu stärken.


Wie bereiten Sie sich auf das Alter vor?
Ich habe natürlich Einflussmöglichkeiten über den Verband die vorherrschenden Strukturen noch zu verbessern. Aber auch heute fühle ich mich schon gut versorgt. Ich möchte, wie jeder, möglichst zu Hause bleiben, aber wenn ich in ein Heim kommen sollte, weiß ich, dass es dort gut läuft. In bin jetzt 47 Jahre alt. Vielleicht kenne ich meine eigenen Pfleger bereits. In jedem Fall hoffe ich in Zukunft auf mehr Personal.

Wenn Sie die aktuelle Pflegesituation und die möglichen und geplanten Maßnahmen zur Verbesserung dieser Situation betrachten, sehen sie der Zukunft in diesem Sektor positiv oder eher negativ entgegen?
Wir blicken in Bayern auf eine breite Palette von Pflegemöglichkeiten und Pflegeeinrichtungen zurück. Aufgrund stark ausgeprägter familiärer Strukturen gibt es in Bayern die meisten Kleinstpflegeeinrichtungen. Wir haben familiengeführte Unternehmen. Daneben gibt es Pflegeheime, einige davon börsennotiert. Auch in diesem Sektor wird es aufgrund des Wettbewerbs Veränderungen geben. Leistungen gibt es auf jeder Seite. Daher müssen wir weiter die Vielfalt bemühen und pflegen. Ich würde mir mehr Bewegung bei den Möglichkeiten alternativer Wohnformen im Alter wünschen. Etwa was Senioren-WGs oder Hausgemeinschaftsmodelle in Altenheimen anbelangt. Aber unsere Vorschriften machen uns unfrei. Die Pflege ist stärker reglementiert als ein Atomkraftwerk.

Die Begrifflichkeit PFLEGERFORM lässt einen Rundumschlag vermuten. Dem ist nun nicht so. Wie zufrieden oder unzufrieden sind Sie mit den aktuell geplanten Änderungen durch die sog. Pflegereform?
Durch die Pflegereform wird einiges für Demenzkranke und die ambulante Pflege getan. Das ist gut aber eben nicht gut genug. Denn wir wachsen auch im stationären Bereich. Die Pflegreform blieb stark hinter den Erwartungen zurück.

 

Das Gespräch führte

Heike Heel Dipl.-Germ. (Univ.)

22.03.2012
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